29.05.2020 Politik ist nicht alles – aber alles ist politisch

Zuerst Ostern: Ein Wanderprediger wird von der Besatzungsmacht des Landes als Aufrührer hingerichtet. Ein Gekreuzigter, der wie jede/r Ermordete zu beklagen ist. Schon das ist politisch.

Aber dann heißt es: Er ist auferstanden von den Toten! Das ist erst recht ein Politikum: Das Zeichen, dass Befreiung von den tödlichen Mächten und Gewalten möglich ist! Und mehr noch, dies gilt nun über Israel hinaus auch den anderen Völkern, so verkündet es der Jude Paulus im 1. Korintherbrief.

Auch Lukas erzählt davon in seinem Evangelium. Und als Verfasser der Apostelgeschichte versucht er die Entwicklung der Dinge auf die Reihe zu bringen (Apg. 1,1), denn: Es sind unruhige Zeiten, alltägliche Gewalterfahrungen schüren Zweifel, ob diese Befreiungsgeschichte über Jerusalem und Judäa hinaus bis an die Enden der Erde hör- und erfahrbar wird. Um dies zu erreichen, muss sich Paulus radikal ändern und auf den Weg machen, so erzählt es Lukas. Er wird vom Vertreter der Orthodoxie zum heterodoxen Prediger und ist unermüdlich unterwegs durch das ganze römische Imperium bis ins Zentrum der Macht – nach Rom.

Pfingsten

Aber vorher Pfingsten – 50 Tage nach Ostern:

In einem tosenden Atembraus (der in Ex. 14, 21 beim Auszug aus Ägypten die Wasser spaltet, in Jesaja 42,5ff das Volk im Exil mit Überlebens-Atem ausstattet) werden ganz plötzlich Menschen, von denen man es nicht erwartet, dazu befähigt, zu sprechen, die Schrift auszulegen. Weswegen waren überhaupt so viele Menschen versammelt? Um ein Fest zu feiern. Fünfzig, das heißt griechisch ‚pentékosté‘ – deutsch: Pfingsten. Am 50. Tag nach dem jüdischen Passahfest pilgerten die Menschen alljährlich zum Tempel und die Schriftgelehrten legten zur 1. Erntezeit (im Mai) die Schriften aus. Und nun das: An diesem Tag sind es nicht die Tora-Gelehrten, die Ordinierten, sondern die Apostel (die Gesandten) beginnen wie die Lehrer Israels zu reden! Und Feuer leuchtet symbolisch über den „frommen Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel“. Lukas erzählt, dass die versammelte Bevölkerung zwar muttersprachlich aus aller Herren Länder kam – aber dennoch die Reden über „die großen Taten Gottes“ hört und versteht.

Erstaunliches, Unerhörtes geschieht da. Denn da reden nicht ausgewiesene Autoritäten, sondern Galiläer, Leute aus einer sozialer Brennpunktregion. Da sprechen Menschen, deren gesellschaftliche Stellung und Ansehen nicht besonders gut ist. Sie fangen Feuer, brennen für die Schrift und der Funke springt über – aber auch Skepsis wird laut, besonders von der arrivierten Seite. Wer so redet kann nur Besoffen sein! Die Gesandten sprechen von der befreienden Tat Gottes, erinnern an Pessach: Daran, dass Menschen frei wurden, und sich dann auf Regeln („10 Gebote“) verpflichteten, damit die Befreiung andauern sollte. Welche Freiheit diese Menschen befähigt, das erklärt dann Petrus, indem er den Propheten Joel zitiert: „Sein wird’s in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich von meiner Geistkraft ausgießen auf alle Welt, dass eure Söhne und Töchter reden, eure Jungen Visionen schauen und eure Alten träumen.“(Joel 3,1)

Wie ein kräftiger Wind weht da ein neuer Geist und sorgt für inspirierte und inspirierende Gemeinschaft, die weder an Herkunft, Sprache noch Alter scheitert, sondern der Geistkraft zutraut, uns hör- und sprachfähig zu machen. Was hier geschieht, verändert Welt. Das ist zutiefst politisch!


Frohe Pfingsten wünscht Pastorin Brigitte Gläser