19.05.2020 Bildung(s)ver-sprecher (Dr. phil. Reinhard Schulz, Oldenburg)

Bildung, Klima und Solidarität - drei Begriffe, die nicht nur in Coronazeiten umkämpft sind. Sie beinhalten immer große Versprechen. Doch können diese eingehalten werden? Die Pandemie lässt hinter diesen alten Versprechen verborgene Krisen grell hervortreten. Bei dem der Bildung ist das die Ungleichheitskrise, bei der Nachhaltigkeit die Klima- und bei der Solidarität die Flüchtlingskrise.

„Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selber“ (Peter Bieri).
Dieses Versprechen freier Selbstbestimmung entpuppt sich aktuell im „Homeoffice“ als Unbekannte mit vielen Variablen der Ungleichheit. Sie können unterschiedlicher Natur sein: angeboren, individuell, sozial oder familiär, ökonomisch, pädagogisch oder technisch.
Die technische Variable hat das Zeug zu einem weiteren großen Versprechen in Gestalt der Digitalisierung. Sie soll uns nicht nur bei Schularbeiten die Quarantäne versüßen, sie kennt anders als die Pandemie keine Maskenpflicht, liefert uns allerdings den „Infektionen“ der Internetkonzerne schutzlos aus.

Leerer Klassenraum

Angesichts dieser Corona-Gemengelage kann sich das Versprechen auf Bildung für viele sehr schnell als ein Versprecher erweisen.
Allen, die deshalb hier stöhnen, empfehle ich das Buch „Namen und Nummern“ der Mailänder Gerichtsmedizinerin Christina Cattaneo. Mit ihrem Buch möchte C. Cattaneo den anonymen Opfern von Lampedusa ein wenig von ihrer Würde zurückgeben. So fand sie beim Sammeln persönlicher Habseligkeiten, eingenäht in einer Jacke eines jungen Ertrunkenen ein Stoffsäckchen. Darin etwas heimatliche Erde und sein Schulzeugnis. Hier konvergieren die drei Themen - Bildung, Klimanachhaltigkeit und Solidarität - und es wird klar, dass sie offensichtlich dringend gemeinsame Aufmerksamkeit erfordern.

Reinhard Schulz, Dr. phil. habil. Em. Prof. für Philosophie, Uni Oldenburg & Präsident der Intern. Association of Jaspers Societies