17.04.2020 Vom transnationalen Virus, großen Unternehmen und kleinen Bauern

"... die Diskussion über die extreme wachstumsgesteuerte Expansionspolitik der transnationalen Unternehmen muss jetzt beginnen", so Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG Region Oldenburg/Ostfriesland.

Wir haben ihn zum 17. April, dem "Internationalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands" befragt:

1. Kann es gelingen, dass während dieser Krise die profit- resp. wachstumsgesteuerte Expansionspolitik der transnationalen Unternehmen infrage gestellt wird?

Ja, die grundsätzliche Diskussion über die extreme wachstumsgesteuerte Expansionspolitik der transnationalen Unternehmen muss jetzt beginnen. Bisher haben transnationale Unternehmen alle weltweiten Krisen immer nur zu ihrem Vorteil genutzt. Häufig sind die Interessen von transnationalen Konzernen eng mit dem Ablauf von Krisen verbunden. Entweder durch staatlich unterstützte Repressalien gegenüber einzelner Staaten oder durch hohe Forderungen nach wirtschaftlicher Unterstützung wie auch jetzt in der Coronakrise. Auch jetzt dreht sich die gesamte Politik um die Unterstützung der Wirtschaft, insbesondere der großen Player, während kleine Betriebe und Arbeitnehmer mit geringen Zusagen ruhig gestellt werden sollen.

Mehr als eine Million Menschen sind z. Z. in der BRD in Kurzarbeit und müssen von 60 oder 67 Prozent ihres Nettoeinkommens ihre laufenden Kosten decken. Dass das bei den meisten Familien dazu führt, dass das Sparvermögen schnell verbraucht ist und die Schuldenfalle droht, versteht sich von selbst.

Schon jetzt und nach einem Ende der Coronabeschränkungen werden die meisten Menschen auf die immer noch günstigen Produkte der transnationalen Konzerne zurückgreifen. Der heimische Markt wird in die nächste Krise rutschen und von den großen Playern aufgesaugt. Damit könnte eine weitere Verschärfung der Abhängigkeiten gegenüber diesen Multis entstehen. Leider ist die derzeitige Politik in Europa nicht auf kleine regionale Wirtschaftsstrukturen, sondern nur auf Wachstum um jeden Preis ausgelegt. Auch das fahrlässige Herankarren von Menschen aus Osteuropa, um die deutsche Spargelernte zu retten zeigt, wie gewissenlos der Profit für Einzelne gesichert werden muss.

Diese Politik hat in verschiedenen Branchen zu den übelsten sozialen Verwerfungen geführt. Ein Beispiel ist die deutsche Fleischindustrie, die über Lohn- und Sozialdumping ganze Märkte weltweit beherrscht und zur Armut der einheimischen Bevölkerungen beiträgt. Teilweise werden in den Schlachtbetrieben in Weser-Ems bis zu 90 Prozent der Beschäftigten über billige Wanderarbeiter aus Osteuropa abgedeckt. Diese Menschen leben teilweise unter den erbärmlichsten Einkommens- und Sozialbedingungen unter uns. Deren Elend wird genutzt, um das hier produzierte Fleisch in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu Dumpingpreisen auf den Markt zu werfen. Dort lässt man dann der einheimischen Bevölkerung keine Chance, am eigenen Fleischkonsum wirtschaftlich zu wachsen.

Deshalb muss jetzt eine breite Diskussion über die Verteilung der Märkte und Einschränkung der Aktivitäten von multinationalen Konzernen geführt werden.

2. Glauben Sie daran, dass die Krise animieren kann, jetzt erst Recht in den Aufbau lokaler resilienter und diverser Lebensmittel-Versorgungssysteme zu  investieren.

Ja, diese Krise kann dazu animieren, in lokale Lebensmittel-Versorgungssysteme zu investieren. Nur fehlt dazu jede Unterstützung aus den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Reihen. Nach wie vor wird die Wirtschaftspolitik durch multinationale Konzerne und deren Helfer in den verschiedenen Parlamenten bestimmt. Leider haben die Multis kein Interesse an dem Aufbau von kleinen Produktionseinheiten im regionalen Raum. Im Gegenteil, je größer Produktionsstätten sind, umso mehr werden sie unter einander vergleichbarer, kostengünstiger und damit profitabler für die Investoren und Handelsunternehmen. Bereits jetzt sind die Erzeugerstrukturen in der BRD auf den Weltmarkt ausgelegt, konkurrieren mit Produkten aus allen Ländern. Nur wer billiger ist, kann sich am Markt behaupten und bekommt über Banken und Investoren weitere Chancen, um Wachstum und Gewinne zu generieren.

Wenn durch eine weit angelegte Diskussion die Macht der Multis gebrochen und ein Umdenken in der Bevölkerung und Politik erfolgt ist, lohnt sich eine Investition in die regionale Produktion und einen regionalen Vertrieb. Alle zur Zeit bestehenden regionalen Strukturen sind leider nur in einem kleinen und kaum spürbaren Markt vertreten.

Mehr zum "Internationalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands":
https://viacampesina.org/en/

Bleiben Sie widerständig - nicht nur gegen den Virus!
Brigitte Gläser und Marcel Hackler
Ev. Akademie