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Akademiearbeit im Forum "Frauen in Kirche und Gesellschaft"

"Die Krise der Kerle" - Von der schleichenden Entwertung traditioneller Männlichkeit

26. September 2003 in Oldenburg

Den Blick auf Männer und Frauen richteten die beiden Veranstaltungen aus dem Forum "Frauen in Kirche und Gesellschaft" im letzten Halbjahr, nämlich "Die Krise der Kerle" und "Gendertraining". Zu letzterem können Sie den Bericht von Dörte Kramer, Pfarrvikarin in der Ev. Heimvolksschule Rastede, lesen. Hier ein kurzer Einblick in die Thematik der ersten Tagung. Im September hatten wir den Soziologen und Journalisten Thomas Gesterkamp eingeladen, der sich schon seit langem mit dem Wandel von Männerbildern und Männerrollen beschäftigt. Die Veränderung männlichen Selbstverständnisses geht einher mit veränderten weiblichen Selbstbildern und Rollenzuschreibungen. Das Thema geht also Männer und Frauen etwas an. Uns schien es sehr sinnvoll und richtig, dass Frauen und Männer zusammen über gemeinsame Zukunftsperspektiven nachdenken. Mit Herrn Gesterkamp auf dem Podium diskutierten Hiltrud Boomgaarden, die Leiterin der Ev. Familienbildungsstätte Oldenburg und der Diakon Hans-Christian Thieme, der zur Zeit seine Elternzeit wahrnimmt. Dass das Bedürfnis nach einem Dialog zwischen Männern und Frauen besteht, zeigte die große Beteiligung sowohl von Frauen als auch von Männern an der Veranstaltung

Thomas Gesterkamp wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie nicht nur für Frauen einen hohen Preis habe. Auch Männer fühlen sich zu Hause häufig wie Fremdlinge, ihre Welt liegt woanders. Doch auch die Arbeitswelt verändert sich. Gesterkamp spricht von einer "schleichenden Entwertung traditioneller Männlichkeit in der Arbeitswelt und im Familienleben". Hinter der Massenarbeitslosigkeit steckt ein ungelöster Geschlechterkonflikt, von dem in Politikerrunden, Gewerkschaftszirkeln oder Bündnisgesprächen fast nie die Rede ist. Die im Rückblick idealisierte Vollbeschäftigung in Deutschland von Anfang der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre war eine Vollbeschäftigung für Männer. Sie beruhte darauf, dass die Frauen zu Hause blieben. Das männliche Erwerbskonzept "ein Leben lang ununterbrochen Vollzeit" ist angewiesen auf ein weibliches Pendant, das derweil die Aufgaben des Alltags erledigt. Frauen machen die Arbeit, die es Männern erst ermöglicht "normal" zu arbeiten. In den letzten Jahren ist die Arbeitslosigkeit bei den Männern im Vergleich zu den Frauen viel stärker angestiegen, weil eben auch immer mehr Frauen Beruf und Familie zu verbinden versuchen. Männer sind mit einer Zersetzung ihrer traditionellen Versorgerrolle konfrontiert. An Stelle der lebenslang festen Anstellung droht die lebenslange Probezeit. Die Krise der Arbeit stellt kein rein ökonomisches Problem dar. Weil sich Männer vorrangig über ihren Beruf definieren, ist sie zugleich eine Krise der männlichen Identität. Die ökonomische Basis, auf der sie ihr Selbstbild aufgebaut haben, gerät ins Wanken. Die Vorstellung, weniger zu verdienen als ihre Frau, ist für viele Männer ein gruseliger Gedanke. Auch auf anderen Gebieten lösen sich alte Rollenmuster auf. Die "wilden Kerle" sind nicht mehr unbedingt gefragt. Die alte soziale Zuschreibung sah vor, dass echte Kerle in gefährlichen und abenteuerlichen Situationen ihren Mann stehen. Doch es gibt keine Welt mehr zu kontrollieren, keine Familie mehr zu schützen. Die großen Verlierer sind die "wilden Kerle" der Schwerindustrie. Ihre Stärken werden schlicht nicht mehr gebraucht.

Aber auch Männer, die ihr Selbstbewusstsein nicht nur aus dem Beruf ziehen möchten, die sich auf neue Rollen einlassen möchten, die Familie und Beruf zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden versuchen, haben es nicht leicht. Es braucht viel Selbstbewusstsein, in der männlichen Arbeitskultur abweichendes Verhalten zu zeigen. Viele Männer scheuen die Risiken, die damit verbunden sind, im Unternehmen eine private Orientierung offen zu vertreten. Vor allem ältere Vorgesetzte messen Leistung noch immer in Stunden und weniger an Arbeitsergebnissen.

In der öffentlichen Debatte über die Zukunft der Arbeit spielt der Blick auf das Geschlechterverhältnis kaum eine Rolle. Vorschläge zur Überwindung von Arbeitslosigkeit durch Umverteilung oder andere Formen der Zeitgestaltung werden abgewertet. Dennoch sieht Gesterkamp in der Erosion der männlichen Normarbeit eine Chance. Die unübersichtlich gewordene Arbeitswelt bietet mehr Platz für individuell geprägte Lebenswege und Geschlechtsrollenentwürfe. Nicht nur Frauen, auch Männer haben künftig die Möglichkeit, sich über eine doppelte Identität zu definieren. Männer, die anders leben wollen, sind Pioniere und sollten sich durch den Spott der Männerbünde nicht irritieren lassen. Erwerbsarbeit und Privatsphäre sind komplementäre Seiten einer Medaille. Die beruflichen Chancen von Frauen stehen in direktem Zusammenhang mit der Beteiligung von Männern am Familien- und Beziehungsleben. Voll-Beschäftigung im Sinne männlicher Normarbeit für beide Geschlechter hat es (zumindest in den alten Bundesländern) nie gegeben und wird es vermutlich auch nie geben. Nur die Umverteilung von Arbeit kann den Geschlechterkonflikt auf dem Arbeitsmarkt lösen. Frauen können nur dann mehr arbeiten, wenn Männer weniger arbeiten. Arbeitszeitverkürzung ist so keine verstaubte Parole sondern ein modernes Konzept, das aber nur dann Sinn macht, wenn beide Geschlechter ihre Rollen neu definieren.

In der anschließenden Diskussion standen die Rahmenbedingungen im Vordergrund, unter denen eine veränderte Rollendefinition, eine gleichberechtigtere Teilhabe von Männern und Frauen in Arbeits- und Familienleben überhaupt möglich ist. Deutlich wurde dabei, dass sich Veränderungen nicht durch Zwang erreichen lassen. Laut Gesterkamp brauchen Väter "kein Bestrafungs- sondern ein Ermutigungsprogramm".

Was die Familienpolitik angeht, so belohnen in Deutschland die Splitterbesteuerung, die Mitversicherung von Ehefrauen und die Halbtagssysteme in Schule und Kindergarten immer noch die alten Rollenzuschreibungen. Ein Blick auf Schweden zeigt, dass die entsprechenden Rahmenbedingungen die Väterquoten in der Erziehungszeit enorm ansteigen lassen. Dort wurde schon Mitte der neunziger Jahre eine obligatorische- und mit drei Viertel des vorherigen Einkommens entlohnte Vaterschaftspause eingeführt. Der Anspruch auf die beiden "Papamonate" ist nicht auf die Mutter übertragbar, sondern verfällt, wenn Männer ihn nicht nutzen. Das tun aber inzwischen über 30 Prozent der Väter in Schweden.

Nicht missen möchte Hans-Christian Thieme die Erfahrungen, die ihm seine Beschäftigung mit den Kindern während der Elternzeit eingebracht hat. Er betonte aber auch , wie wichtig Netzwerke sind, die den Austausch von Erfahrungen und gegenseitige Bestärkung ermöglichen. Daher ist die Väterarbeit der Ev. Familienbildungsstätten auch so bedeutsam. Hiltrud Boomgaarden sieht in diesem wachsenden Programmbereich gute Chancen und Möglichkeiten, alte Rollenmuster aufzubrechen und Väter stärker in Familie und Erziehung einzubinden. Familienbildung könnte dadurch einen Beitrag leisten, den privaten Alltag zur gemeinsamen Sache von Männern und Frauen zu machen.

Vielleicht ist die Krise der Kerle ja eine Chance, für Frauen wie für Männer.

Andrea Schrimm-Heins



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